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Idee
Lisl Ponger, Peter Marboe

Konzeption
Ljubomir Bratic, Araba Evelyn Johnston-Arthur, Cornelia Kogoj, Lisl Ponger, Nora Sternfeld, Luisa Ziaja

Kuratorenteam
Ljubomir Bratic, Araba Evelyn Johnston-Arthur, Lisl Ponger, Nora Sternfeld, Luisa Ziaja

Ausstellungsgestaltung, Graphic Design
Carlos Toledo & Eva Dertschei (TiD)

Konzeption CD-Rom
Lisl Ponger, Tim Sharp

Code & Design CD-Rom, Websitearchitektur
Martin Sägmüller

Programme
Vorträge, Filme, Lesungen, Konzerte, Führungen, Workshops, remapping bustour

Künstlerische und wissenschaftliche Beiträge Nana-Gyan Ackwonu, David Blandy, Katrin Brezansky, Boris Buden, Petja Dimitrova, Mladen Dolar, Richard Ferkl, Alix Gilka-Bötzow, Beate Hammond, bell hooks (angefragt), Marty Huber, Ben Johnston-Arthur, Ari Joskowicz, Belinda Kazeem, Klub Zwei (angefragt), Cornelia Kogoj, kinoki, Martin Krenn, Nora Landkammer, Tina Leisch, Aisha Lindsey, MACHFELD (aka Sabine Maier & Michael Mastrototaro), Mara, Dominic Mariochukwu, Melanie Mertz, Katharina Olschbaum, Dan & Lia Perjovschi, Peter Ponger, Doron Rabinovici, Ravensbrückerinnen, Anja Salomonowitz, Jude Sentongo, Heribert Schiedel, Julian Sharp, Tim Sharp, Deniz Sözen, Hito Steyerl, Claudia Unterweger, u. a.

Termine
Konfiguration I:
09.03. - 18.04.2006 -
Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen!

Konfiguration II:
04.05. - 11. 06. 2006 -
Frisch zum Kampfe! Frisch zum Streite!

Konfiguration III:
22.06. - 30.06.2006 -
Was aller Welt unmöglich scheint

Konfiguration IV:
07.09. - 15.10.2006 -
Es ist kein Traum!

www.remappingmozart.mur.at

Verborgene Geschichte/n - remapping Mozart


Das Projekt „Verborgene Geschichte/n - remapping Mozart“ besteht aus vier Ausstellungen und begleitenden Veranstaltungen, genannt Konfigurationen, die an vier Orten in Wien über einen Zeitraum von acht Monaten von März bis Oktober 2006 umgesetzt werden.

Diese Konfigurationen werden in Zusammenarbeit mit Künstlern und Wissenschaftern realisiert. Zwar finden sie an vier verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten statt, sind aber Teile eines Gesamtkonzeptes.

Ausgangspunkt des Projektes ist der Satz „Mit Hilfe Mozarts über uns nachdenken“, wobei hier ein Blick auf Mozarts Leben und Werk, seine Zeit und seine Rezeption geworfen wird. Die Konfigurationen beleuchten verborgene Geschichte/n aus unterschiedlichen Perspektiven, stellen diese in aktuelle Zusammenhänge, tragen sie in die Öffentlichkeit und beschreiten so neue Wege der Geschichtsschreibung. Anhand von Themen wie Orientalismus und Exotismen, Nationale Mythenbildung oder Schwarze Österreichische Geschichte (das heißt die Geschichte der afrikanischen Diaspora in Österreich), Geschlechterbilder und Toleranz werden historische und zeitgenössische Problematiken von Kunst und Gesellschaft untersucht. Damit werden bestehende Wahrnehmungen verschoben und neue Bedeutungen hergestellt. Das vielfältige, auch in künstlerischen Arbeiten umgesetzte Wissen der eigens gegründeten Recherchegruppe zu Schwarzer Österreichischer Geschichte ist sowohl Bestandteil aller vier Konfigurationen als auch einer CD-Rom und zieht sich somit wie ein roter Faden durch das gesamte Projekt. Während die vier Ausstellungseinheiten sich im Verlauf des Mozartjahres durch die Stadt bewegen und verborgene Geschichte/n rund um Mozart an die Öffentlichkeiten tragen, dienen die so genannten „Remapping Tours“ - vier ganztägige Bustouren durch Wien - einem besonderem Aspekt der Vergegenwärtigung von Geschichte. Orte werden mit Personen und Ereignissen, die bis heute wirken, verbunden, seien es Häuser, Plätze oder Denkmäler.
Die CD-Rom dient der langfristigen Sicherung von diesem erarbeiteten Wissen ebenso wie der Dokumentation des Rechercheprozesses und dessen künstlerischer Umsetzung. Das gesamte schriftliche Material wird in vier Sprachen - Deutsch, Englisch, Türkisch und Serbisch/Bosnisch/Kroatisch -veröffentlicht.

Die Titel der Konfigurationen sind Zitate aus Opernlibretti Mozarts. Gemeinsam bilden sie eine programmatische Erzählung: Als Auftakt trägt die erste Konfiguration den Titel „Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen!“. Sie behandelt das Thema der „Bühne“ als zentralen, repräsentativen Ort von Bedeutungsproduktion. Anhand der Darstellungsstrategien und -konventionen in den Mozartopern Zaide, Die Entführung aus dem Serail und Die Zauberflöte macht sie nachvollziehbar, wie gesellschaftliche Diskurse beispielsweise des „exotischen Anderen“ (re)produziert werden und welche Funktionen diese haben. Zudem wird die Bühne als vielfach umkämpfter Ort der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts gezeigt. Sie gilt als „moralische Instanz“ der Aufklärung, als Gericht, das die herrschenden Dualismen der Zeit wie „Laster und Tugend“, „Torheit und Weisheit“ verhandelt. In den Blick geraten dabei die Identitätszuschreibungen einer sich formierenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Wer bildet diese kritische Öffentlichkeit, wer bestimmt über Zugehörigkeit und Ausschluss, und wo findet
ein Künstler dieser Zeit in einem Gefüge, das nicht zuletzt Ort der politischen Kritik ist, seinen Platz? Was ist die gesellschaftliche Funktion der Bühne, des Kunst- und Ausstellungsraumes damals und heute? Und welche Rolle nehmen Künstler in diesem Zusammenhang ein?
Die erste Konfiguration beschäftigt sich nicht nur mit Bühne als Ort der Repräsentationspolitik, sondern stellt sich selbst  auch als eine eigene Bühne der Bedeutungsproduktion dar. Ein Kernelement der Ausstellung ist es, sich der Herausforderung zu stellen, eine Repräsentationspraxis „auf die Bühne“ zu bringen, die mit fest gefahrenen, stereotypen Bilderregimes bricht und alternative, selbst bestimmte Bildpolitiken entwirft.

Die zweite Konfiguration „Frisch zum Kampfe! Frisch zum Streite!“ widmet sich der Zeit Mozarts, den Ausschlüssen und sozialen Kämpfen sowie deren Fortsetzung in die Gegenwart. Der gesellschaftliche Hintergrund von Mozarts Opern wird entlang der Linien von Regulierung, Rebellion und Ausschluss beleuchtet. Anhand der Opern Le nozze di Figaro und der Zauberflöte werden Formen der Rebellion und der gesellschaftlichen Kämpfe des ausgehenden 18. Jahrhunderts zum Thema gemacht. Ein Exkurs blickt über die österreichischen Grenzen hinaus und widmet sich dem revolutionären Frankreich und den Revolutionen in der Karibik. Anhand der Darstellung des „edlen“ und des „bösen“ Anderen in der Entführung aus dem Serail wird untersucht, welche gesellschaftlichen Ausschlüsse die Aufklärung begründet hat.
Der Blick auf heutige Formen der Ausschlüsse, der Regulierung und des Protests  verankert diese Themen in der Gegenwart. Beteiligt sind Künstler, Theoretiker und Bewohner des Stuwerviertels im 2. Wiener Gemeindebezirk.

Die dritte Konfiguration „Was aller Welt unmöglich scheint“ fragt nach den Verbindungen zwischen Darstellungstraditionen und dem realen Leben marginalisierter Gruppen im 18. Jahrhundert und heute. Wie (über)lebten etwa schwarze Menschen, Türken und Juden im Wien dieser Zeit? Fragen wie diese markieren den Übergang zwischen den exotischen Phantasien des 18. Jahrhunderts, dessen Operntraditionen und deren Einschreibungen in reale Lebenszusammenhänge.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen Fremddefinitionen und Selbstdefinitionen eben jener Teile der österreichischen Gesellschaft, die bloß als „Figuren“ oder „Objekte“ in die Geschichte eingegangen sind - eine Geschichte, die bis heute kaum aus deren Sicht geschrieben oder definiert wurde. So sollen bisher verborgene historische Perspektiven auf heutige Realitäten ?geborgen’, werden. Diese wiederum schaffen Grundlagen, um Marginalisierungen und Zuschreibungen der Gegenwart zu durchbrechen und Entwürfe für die Zukunft zu entwickeln.

Die vierte und letzte Konfiguration steht mit dem Titel „Es ist kein Traum“ im Zeichen der thematischen Verdichtung und des Ausblicks. Eine eigens realisierte Filminstallation ist inhaltlicher Angelpunkt der Ausstellung. Sie nimmt Linien, Themen und Ergebnisse der vorhergehenden Konfigurationen auf und bringt diese in einen neuen Zusammenhang. Dabei ist das Leitthema die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft und die Frage nach möglichen Allianzen zwischen Künstlern, Aktivisten und Theoretikern. In der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Utopien werden wesentliche Aspekte des gesamten Projektes in Bezug auf Zukunftsperspektiven nochmals verhandelt. Sichtbar gemacht werden soll das Potential der Kunst, also der Produktion, Akkumulation und des Austausches von Wissen und Kreativität - als deutliches Zeichen dafür, dass das, „was aller Welt unmöglich scheint“, kein Traum bleiben muss.


Ein Projekt von WIENER MOZARTJAHR 2006

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